Warum Deutschlands Bürokratie mehr ist als nur Faxgeräte und Papierkram
Ottilie KreinWarum Deutschlands Bürokratie mehr ist als nur Faxgeräte und Papierkram
Deutschlands Ruf als Bürokratie-Wunderland wird oft belächelt – besonders wegen seiner Vorliebe für Faxgeräte. Doch dieses System spielt eine zentrale Rolle dabei, die Macht von Konzernen zu begrenzen. Jetzt drängen einige Gruppen darauf, Kontrollen abzubauen – im Namen des Bürokratieabbaus.
In Berlin sind Faxgeräte nach wie vor fester Bestandteil der Verwaltung. Der Senat der Stadt nutzt noch 5.333 davon, und bei 189 amtlichen Verfahren sind eingescannte Dokumente per Fax vorgeschrieben. Diese Abhängigkeit von veralteter Technik schürt die öffentliche Verärgerung.
Eine Kampagne zur Abschwächung von Regulierungen gewinnt an Fahrt. Im November 2023 verwässerte ein Bündnis aus Lobbyisten, rechtspopulistischen Akteuren und Konservativen das EU-Lieferkettengesetz. Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), eine einflussreiche Lobbyorganisation, eröffnete sogar ein „Bürokratie-Museum“ in Berlin, um gegen solche Vorschriften zu argumentieren.
Kritiker warnen, dass es bei diesen Bestrebungen nicht nur um Effizienz gehe. Rechtspolitiker und Denkfabriken definierten den Begriff „Bürokratie“ gezielt um, um Deregulierung zu rechtfertigen. Friedrich Merz, CDU-Vorsitzender und INSM-Unterstützer, posierte 2024 auf einer Parteiveranstaltung mit einem „Bürokratie-Schredder“.
Deutschlands komplexe Vorschriften beschränken sich nicht auf Papierkram. Das Land hat 16 verschiedene Bauordnungen, jede mit eigenen Anforderungen – was die Ineffizienz noch verstärkt.
Bürokratie ist in Deutschland seit langem unbeliebt, doch sie begrenzt auch den Einfluss mächtiger Interessengruppen. Der Druck, sie zurückzudrängen, könnte die Kontrolle über Konzerne und öffentliche Einrichtungen grundlegend verändern. Wie sich diese Entwicklungen auswirken, wird sowohl Unternehmen als auch Bürger betreffen.
